IMG 2918 2
 
Mario Lootz
©Mario Lootz

Unter Stress. Der Rohstoff Wasser im 21. Jahrhundert.

„Day Zero“ wird der Tag genannt, an dem die Wasserhähne austrocknen und die Wasserversorgung zusammenbricht. Was nach Katastrophenszenario in einem Horrorfilm klingt, ist im Jahr 2019 in vielen Teilen der Welt Realität geworden. In der indischen Millionenmetropole Chennai konnten Bewohner*innen nur noch mithilfe von Tanklastern vor dem Verdursten gerettet werden.

Der Puzhal Stausee, der sonst ein Großteil der 10 Millionen Einwohner*innen der Stadt mit Trinkwasser versorgt, war nach einem extremen Dürrejahr fast vollständig ausgetrocknet. In Südafrikas Millionenmetropole Kapstadt standen die Menschen in kilometerlangen Schlangen, um sich Wasser in ihre Kanister abzufüllen. Paulo Dallari, Staatssekretär des Bürgermeisters in Sao Paolo in Brasilien, sprach von einer akuten Notfallsituation, als er die Wassersituation in seiner Stadt im letzten Jahr beschreibt.

Das World Resources Institute (WRI) stellt fest, dass bereits 17 Länder, in denen ein Viertel der Menschheit lebt, unter extrem hohen Wasserstress leiden. Das bedeutet, dass die Entnahme von Wasser die erneuerbaren Wasserressourcen um 80 Prozent übersteigt. Die massive Übernutzung durch Landwirtschaft, Industrie und Gemeinden führt dazu, dass bereits eine geringe Zunahme von Trockenperioden extreme Auswirkungen zeigt. Durch den Klimawandel gerät das bereits angespannte System weiter unter Druck. Veränderte Niederschläge können reduzierte Bodenfeuchtigkeit, weniger Oberflächengewässer und geringere Grundwasserneubildung zur Folge haben. Außerdem nehmen Extremwetterereignissen wie Dürren und Überflutungen zu. Das ist in der ganzen Welt zu spüren, betrifft aber die durch Armut und Konflikte betroffenen vulnerablen Bevölkerungsteile besonders.


Doch der Klimawandel ist nicht die alleinige Ursache. Fehlendes Management der Wasserressourcen, Verschmutzung sowie das hohe Bevölkerungswachstum beanspruchen die Wasserressourcen in vielen Teilen der Welt. In Chennai ist die Bevölkerung in den letzten 100 Jahren von 500.000 auf zehn Millionen Einwohner*innen gestiegen, begleitet von ungeplanter Urbanisierung und einen durch wasserintensive Industrie und Landwirtschaft geprägten Konsum. Das noch vorhandene Wasser ist durch unbehandelte Abwässer und Industrieabfälle zudem verschmutzt und Ursache von verschiedenen über Wasser übertragene Krankheiten wie Durchfall und Cholera.

In den Nachhaltigen Entwicklungszielen verpflichtete sich die Weltgemeinschaft in der Agenda 2030, bis ins Jahr 2030 den allgemeinen und gerechten Zugang zu einwandfreiem und bezahlbarem Trinkwasser für alle zu erreichen. Außerdem ist seit dem Jahr 2010 das Recht auf sauberes Wasser und Sanitärversorgung als Menschenrecht anerkannt.

Trotzdem haben weltweit immer noch 663 Millionen Menschen keinen Zugang zu einer verbesserten Trinkwasserversorgung, fast die Hälfte davon in Sub-Sahara Afrika. Ein Großteil davon in ländlichen Gegenden. Steigender Druck auf die Wasserressourcen trifft aber auch die nördliche Halbkugel. Unter den Ländern mit hohem Wasserstress finden sich mit Spanien, Portugal, Griechenland und Belgien verschiedene europäische Länder. Auch das traditionell wasserreiche Deutschland wird vom WRI bereits in der Kategorie „eher hoher“ Wasserstress geführt. Von Bremen bis Stuttgart leiden vereinzelte Regionen auch längst unter hohem Wasserstress. Der Dürresommer 2018 zeigt bis heute in niedrigeren Wasserständen seine Spuren, die etwa bei einem Waldspaziergang in den zahlreichen vertrockneten Revieren sichtbar werden. Wenn sich solche Extremwetterereignisse regelmäßig wiederholen, werden auch in Deutschland die Wasservorräte dauerhaft knapp.

Wie mit klimabedingter Wasserknappheit umzugehen ist, ist hierzulande zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht klar geregelt. Der vom Bundesumweltministerium (BMU) 2018 initiierte Wasserdialog erarbeitete zwar Leitlinien und konkrete Vorschläge. Eine nationale Wasserstrategie, die bei Wasserknappheit eine Priorisierung der Wassernutzung vornimmt, gibt es bis heute nicht. Und damit auch keine Vorgaben, ob Landwirtschaft und Industrie bei Knappheit Trinkwasserressourcen zur Verarbeitung nutzen dürfen und zu welchem Preis.

Hinzu kommt der indirekte Wasserbedarf für importierte Güter wie Lebensmittel und Textilien, die in der Herstellung enorme Mengen an Wasser verbrauchen. Die Produktion einer Banane in Ecuador kostet beispielsweise 160 Liter Wasser, ein Kilogramm Rindfleisch aus Brasilien etwa 15.000 Liter. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Tagesverbrauch an Wasser einer Person in Deutschland liegt bei etwa 120 Litern. Circa die Hälfte des Verbrauchs an Wasser aller in Deutschland konsumierten landwirtschaftlichen Produkte findet im Ausland statt. Der Konsum der eingeführten Produkte trägt somit zur erhöhten Wassernutzung in anderen Ländern bei.

Dort ist der Zugang zu Wasser oft längst ein Kampf ums Überleben. Der massive Rückgang der Wasserfläche des Tschadsees seit den 1970er und 80er Jahren ist eine der Grundlagen für Terrorismus und Bürgerkriege in der Sahelregion. Durch mehrere Dekaden an Konflikten benötigen mehr als 10 Millionen Menschen humanitäre Hilfe, etwa 2.5 Millionen Menschen sind aus ihrer Heimat vertrieben und 5 Millionen akut von Unterernährung bedroht. Der steigende Wasserdruck durch Missmanagement und Klimawandel verstärkt die Konflikte, die wiederum ein vernünftiges Wassermanagement erheblich erschweren. Dies mündet in einer Spirale der Gewalt, die sich ohne ein gemeinsames internationales Vorgehen und humanitäre Hilfe kaum auflösen lässt.

Dabei ist global gesehen genug Süßwasser vorhanden, um das Bedürfnis nach ausreichendem Zugang zu Wasser und Ernährung zu stillen. Das Problem ist die ungleiche Verteilung. Während die Landbevölkerung im globalen Süden sich entscheiden muss, ob Wasser zum Kochen, Trinken oder zur Bewässerung des Feldes genutzt wird, verbrauchen intensive Landwirtschaft, Massentierhaltung sowie Kleidungsindustrie hierzulande Millionen Liter an trinkbaren Wasserressourcen. Durch den Ausstoß von CO2-Emissionen verschärfen sie zudem die Klimabedingungen für die vulnerabelsten Bevölkerungsschichten in anderen Teilen der Welt.

Die meisten Problematiken lassen sich nicht innerhalb einzelner Wirtschafts- oder Lebensbereiche lösen. Ziel muss ein integriertes Wasserressourcenmanagement sein, dass Nutzungsinteressen gegeneinander abwägt und einen demokratischen Prozess zur fairen Verteilung der Ressource zugrunde legt. In Kombination mit einer schnellen Umkehr zu einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise sowie der Nutzung von innovativen und umweltfreundlichen Ansätzen in der Landwirtschaft kann ein Horrorfilmszenario mit trockenen Wasserhähnen noch verhindert werden. Der nächste Bericht des World Resources Institut wird mit aller Wahrscheinlichkeit ein noch trüberes Bild zeigen. Eine Abnahme von Wasserstress wurde bisher noch in keinem Teil der Welt beobachtet.


Mario Lootz, 20.11.2020

Wir verwenden keine Tracking oder Werbecookies. Unsere Webseite verwendet lediglich technisch notwendige cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung dieser Cookies zu.